Willkommen auf www.bundesliga-livestream.de
Der ANTI-KLOPP
Donnerstag, 9. Juli 2015

Die ersten Tage als BVB-Trainer liegen hinter THOMAS TUCHEL (41). Einige Unterschiede zu seinem Vorgänger Jürgen Klopp lassen sich erkennen. 

Die sommerliche Vorbereitungsphase ist für Profifußballer immer auch die Zeit der ganz großen Erkenntnisse. Man tingelt über die Dörfer, tritt in Kontakt zur Basis und lernt (mal mehr, mal weniger) Land und Leute kennen. BVB-Innenverteidiger Neven Subotic beispielsweise weiß seit dem Ausflug zum VfL Rhede am Freitag, was das Königspaar eines Schützenvereins ist (Subotic: „Ich fand es einfach süß“). Und auch für Thomas Tuchel hielt das Testspiel mit viel Folklore beim Landesligisten einige wertvolle Erkenntnisse bereit, beispielsweise die, dass Pressevertreter in Rhede unerbittlich sein können. Nach Tuchels erstem Spiel als BVB-Trainer, das ohne Probleme 5:0 gewonnen wurde, war eine kurze Pressekonferenz angesetzt. Die erste Nachfrage eines Journalisten ging (wie alle weiteren) an Tuchel und war eher Feststellung, denn Erkundigung: „Herr Tuchel, Sie waren zu spät.“ Stille im Raum. Tuchel, sichtlich überrascht, musste sich kurz sammeln, dann folgte eine sachliche Erklärung. „Ja, aber ich habe Autogramme geschrieben“, rechtfertigte er sich: „Ich war zum Anpfiff da, aber nicht auf meinem angestammten Platz.“ Sein Vorgänger hätte (je nach Tagesform) den Fragesteller wohl entweder abgekanzelt oder aber mit einem lockeren Spruch gekontert. Tuchel aber ist nicht Jürgen Klopp.

Auch wenn erst eine Woche vergangen ist und man mit allen Einschätzungen noch sehr vorsichtig sein muss, haben sich in dieser Hinsicht bereits einige Unterschiede zwischen den beiden ehemaligen Mainzer Trainern offenbart. Zunächst einmal zeigt sich das beim Auftreten. Man kann Tuchel nicht vorwerfen, dass er sich am Freitag und Samstag vor den Fans versteckt hätte. In Rhede schrieb der 41-Jährige vor dem Spiel Autogramme, er tat es nach dem Spiel, und er tat es sogar in der Halbzeit, was zur Folge hatte, dass er die Pausenansprache weitestgehend seinen Assistenten überlassen musste. Auch am Samstag gab er sich volksnah, schrieb erneut geduldig Autogramme. Nur, so zumindest der erste Eindruck, außerhalb dieser feststehenden Termine legt Tuchel bei der täglichen Arbeit auch Wert auf etwas Abstand zu Fans und Medien. Er ist wohl kein Volkstribun, wie das „Kloppo“ war, der über weite Strecken seiner sieben Jahre in Dortmund sehr offen auf Fans und auch die Presse zugegangen war. Anders als bei vergleichbaren Klubs wie dem FC Bayern oder Schalke 04 gab es in der ersten Woche unter Tuchel beim BVB kein öffentliches Training.

Nach den ersten Tagen hatte es daher bereits kritische Bemerkungen gegeben. Dortmunds neuer Trainer, der seit drei Wochen in der Stadt lebt, versprach am Samstag, die Fans beim Training auch mal zuzulassen. Zudem wehrte er sich dagegen, dass er die Öffentlichkeit außen vor lasse. „Ich verstecke mich nicht. Ich lerne täglich Leute kennen. Auf dem Spielplatz, in meiner Nachbarschaft und da, wo ich einkaufe“, sagte der Familienvater und kündigte an: „Begeisterung, Freundlichkeit und Offenheit sind ein ganz wesentliches Merkmal dieses Vereins. Wir haben schon vor, da ganz einzutauchen.“ Im Gegensatz zur Rampensau Klopp, der als Imageträger für den BVB von unschätzbarem Wert war, ist Tuchel kein Entertainer, kein Sprücheklopfer. In Rhede versuchte er durchaus, den einen oder anderen Scherz anzubringen. Sein Humor ist aber nicht so brachial wie der von Klopp, eher feiner, was aber auch ein angenehmer Kontrast sein kann. Gewisse Unterschiede lassen sich darüber hinaus in der Trainingsarbeit erkennen, auch wenn hierbei ebenfalls gilt, dass erst eine Woche der Vorbereitung hinter den Beteiligten liegt.

Neben konditionellen Aspekten stand in den bisherigen Einheiten vor allem die (Grundlagen-) Arbeit mit dem Ball auf dem Programm. „Bei Kloppo haben wir uns hauptsächlich um die Defensive gekümmert. Mit Tuchel ging es in den ersten paar Tagen darum, was wir mit dem Ball machen, wie wir uns aufstellen. Es ging um Passwege und Passformen“, berichtete Subotic, der Tuchel als „sehr professionell“ beschrieb: „Man merkt, er hat einen Plan, den er verfolgt. Er arbeitet sehr akribisch. Es geht wirklich um jedes Detail, wohin man den Ball spielt, mit welchem Fuß und in welchen Fuß. Er möchte Passgenauigkeit und eine klare Spielart.“ Diese Dinge waren auch im Training und im ersten Test zu beobachten. Tuchel griff immer wieder korrigierend ein, gab Anweisungen und murmelte am Freitag an der Seitenlinie häufiger Beobachtungen vor sich hin, was mitunter so wirkte, als führe er Selbstgespräche.

In Rhede sorgte das Ganze dafür, dass ein Reporter fragte, ob er unzufrieden gewesen sei, was Tuchel verneinte: „Ich wollte mich nicht nur auf meinen Stuhl setzen und die Dinge über mich ergehen lassen.“ Am Freitag wie auch am Samstag beim 17:0 gegen das „Team Gold“ (eine Auswahl von Spitzenathleten aus anderen Sportarten), bei dem der BVB beide Male mit einem leicht abgewandelten 4-1-4-1 spielte, ergab sich zwangsläufig, dass Dortmund erheblich mehr Ballbesitz hatte. Tuchel sprach allgemein davon, eine „Weiterentwicklung“ anzustreben. Um die Laufwege und das taktische Verhalten einzustudieren, werden daher das Training und die Testspiele aufgezeichnet, zudem tragen die Spieler GPSWesten. Das ist weder in Dortmund noch in der Branche vollkommen neu, zeigt aber, dass man unter Tuchel mit einem wissenschaftlichen Ansatz arbeitet. Wohin der führt, werden die kommenden Wochen und Monate zeigen.

 
Bundesliga Live Stream © 2016 - Some rights reserved.