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Kopf mit Herz
Donnerstag, 9. Juli 2015

Mit JOHANNES GEIS (21) soll das Schalker Spiel schneller werden. Horst Heldts Königstransfer hat das Zeug dazu, doch er braucht auch den richtigen Nebenmann dafür. 

Ein ganze Saison lang war der Geis heiß. Sportlich gesehen. Denn die vergangene Runde markiert in der Karriere des Johannes Geis eine Zäsur. Einst als nicht gerade diszipliniertes Genie verschrien, erarbeitete er sich in der abgelaufenen Spielzeit bei Mainz 05 den Status eines Führungsspielers – mit 21 Jahren. Vier Tore, vier Assists und ein Notenschnitt von 3,30 (ähnlich wie in der Vorsaison) bürgen für die bislang beste Phase des U-21-Nationalspielers im Profifußball. Und die sorgte dafür, dass auch der Preis für den Geis heiß wurde. Richtig heiß. Erst der AC Mailand, später Borussia Dortmund, der VfL Wolfsburg und Lazio Rom buhlten um den Rechtsfüßer. Das Rennen gemacht hat Schalke 04. Für stolze 10,5 Millionen Euro, die sich nach Medien-Informationen einsatz-, erfolgs- und weiterverkaufsorientiert ordentlich mehren können. Die Aufgabe, die ihm im System von André Breitenreiter zukommt, rechtfertigt die hohen Ausgaben. „Er hat nachgewiesen, dass er trotz seines jungen Alters zu den besten Sechsern in Deutschland zählt“, sagt der neue Trainer der Königsblauen. Die haben Geis mit der Erwartung verpflichtet, einen Stammplatz als zentraler Umschaltspieler einzunehmen.

Der gebürtige Unterfranke soll dem pomadigen Aufbau Verve verleihen. Geis kann das. Übersicht, Blick für den freien Mann – und lange Bälle zum Zungeschnalzen. Vor allem die hat Geis im Fuß. In vielen Extraschichten trainiert, jagt er diese wohltemperiert über den Platz, perfekt in den Lauf der Bahnspieler. Nicht zuletzt das war ein Grund, weshalb ihn Umschalt- Liebhaber Thomas Tuchel zu Mainz 05 holte und auch zum BVB lotsen wollte. Sommervorbereitung 2013/14, kurz vor Saisonstart. Geis ist gerade mit der Empfehlung von acht Bundesliga-Einsätzen von Greuther Fürth nach Mainz gekommen. Tuchel nimmt ihn beiseite, sagt: „Solange du Willen zeigst, passiert nichts. Du bist ein junger Spieler. Du brauchst keine Angst zu haben, mach deine Fehler.“ Viele begeht er nicht. In Abwesenheit des verletzten Elkin Soto wird er Stammspieler. „Johannes lässt sich auch von Rückschlägen nicht beeindrucken“, sagt Konrad Fünfstück, heute U-23-Trainer in Kaiserslautern, bis 2013 in Fürth. Er fing den damals 19-Jährigen mit auf, als Mike Büskens Geis in Franken von den Profis zu den Amateuren degradierte. „Er hat dann viele Extraschichten gemacht, immer aus seinem eigenen Willen heraus“, blickt Fünfstück (34) zurück.

Geis sagte später einmal: „Rückblickend war es von Büskens top, dass er mir so einen Denkzettel verpasst hat.“ Denn der junge Geis ist nicht unbedingt das, was man sich unter einem Musterprofi vorstellt. Mit Kumpel Felix Klaus lebt er in der Fürther Jugend in einer Wohngemeinschaft außerhalb des Internats. Die Pizza-WG, sagen sie im Ronhof spöttisch. „Irgendwann haben wir verstanden, dass wir unseren großen Traum nur wegen des Essens nicht gefährden dürfen“, erklärte Geis einmal. Was wie eine schmonzettenhafte Nebenhandlung klingt, hat durchaus Programmcharakter in der Karriere des Standardspezialisten. Geis neigte dazu, sich schnell mit dem Erreichten zufriedenzugeben. Deshalb hat sich Christian Heidel auch einiges anhören dürfen, als er und Tuchel ihn 2013 nach Mainz holten. „Viele haben gesagt, der packt das nicht“, sagt der FSV-Manager. Doch weil Geis die verfrühte Genügsamkeit mit sich selbst Schritt für Schritt abstellte, packte er es sehr wohl.

Und wie. 33 Ligaspiele in der ersten Saison (ein Tor, sieben Assists), um im zweiten Jahr endgültig zum Taktgeber zu reifen. „Johannes ist als Typ so gesettelt, dass er die Herausforderung Schalke 04 annimmt. Er kann für diese Mannschaft ähnlich wichtig werden wie für Mainz 05“, sagt Heidel. In Rheinhessen war er Kopf des Spiels, vor allem aber zeigte er immer Herz. In jeder Partie lief Geis heiß, nach dem Schlusspfiff war er oft heiser. Weil er Kommandos gibt, weil er anpeitscht, weil er sich aufgrund seiner zentralen Position auch als emotionaler Leader begreift. Diese Leidenschaft kann für ihn auf Schalke ein Vorteil sein. Geis hat den naturgemäßen Anspruch, eine Leitfigur zu sein. Doch würde er diesen niemals allein über sein Auftreten einfordern, sondern zuallererst über seine Leistung. So scherte er auch bei der U-21-Europameisterschaft nicht aus, als Trainer Horst Hrubesch überraschend erst Moritz Leitner und dann Joshua Kimmich den Vorzug gab. „Das Team steht über allem. Ich stecke gerne zurück, wenn wir ins Finale kommen und den Titel holen“, sagte Geis in Tschechien.

Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis er im ausgesprochen integrativen Schalker Führungszirkel um Benedikt Höwedes, Klaas Jan Huntelaar, Ralf Fährmann und Julian Draxler ankommt – sofern das Sportliche stimmt. In Paderborn agierte Breitenreiter im Aufstiegsjahr oft mit einem 4-1-4-1, in der Bundesliga meist mit zwei, manchmal mit drei Mann vor der Abwehr. Der Königstransfer von Sportvorstand Horst Heldt alleine auf der Sechs, das scheint schwer vorstellbar. Zwar hat Geis an Dynamik deutlich zugelegt, doch er ist nicht der Schnellste. Weder im Antritt noch in der Endgeschwindigkeit. Probleme kann es geben, wenn die Knappen das Feld nicht eng bekommen. So war es in Mainz im vergangenen Jahr häufig unter Kasper Hjulmand, der Geis im eigenen Aufbau als Gestalter zwischen die Innenverteidiger zog. Dann fehlte er eine Reihe weiter vorne im Gegenpressing, erst Martin Schmidt korrigierte das wieder.

Und so konnte Geis im Saisonfinale neben seinen Qualitäten als Ballverteiler seine zweite große Stärke wieder besser einbringen: Er ist ein exzellenter, unheimlich geschickt mit dem Körper arbeitender defensiver Zweikämpfer, wenn er direkten Zugriff auf den Gegner hat. In Mainz war der enorm laufstarke Julian Baumgartlinger der perfekte Nebenmann. Der Österreicher sagt: „Er geht mit Druck hervorragend um, hat weder Angst noch Respekt im negativen Sinn. Das ist für sein Alter nicht selbstverständlich. Geisi macht viel im Aufbau, ich habe viel um ihn herumgespielt und Löcher gestopft.“ Räume schließen mit Auge, Balleroberung und mit maximal zwei Kontakten klug den Gegenstoß einleiten. Was einfach klingt, ist die Basis für funktionierendes Umschaltspiel, wie es Breitenreiter praktiziert und wie es Geis perfektionieren kann. Auf Schalke kämpfen Leon Goretzka, Marco Höger und Roman Neustädter, der womöglich noch geht, um den zweiten Platz auf der Doppelsechs. Es wird auch darauf ankommen, dass die Lunge neben dem Kopf mit Herz funktioniert.

 
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